"Es war ein magischer Ort - Hippies, Paradiesvögel, Künstler"
Focus Interview 50 Jahre Amnesia
Der weltberühmte Club Amnesia hat die Clubkultur auf Ibiza mitgegründet. Und feiert im Sommer sein 50-jähriges Bestehen. DJ-Ikone Sven Väth blickt im Interview mit FOCUS zurück auf ein halbes Jahrhundert tanzen
Du bist Anfang der 80er erstmals nach Ibiza gekommen – wie war es damals? Könntest du ein paar prägende Erinnerungen teilen?
Ich glaube, ich war das erste Mal 1982 im Amnesia. Ganz sicher bin ich mir nicht mehr, aber diese frühen Jahre auf Ibiza haben sich tief in mein Herz eingebrannt. Damals war das Amnesia noch ein Open-Air-Club mit dem berühmten Wasserbrunnen in der Mitte und der Glaspyramide. Es war ein magischer Ort. Hippies, Paradiesvögel, Künstler, leidenschaftliche Tänzer – Menschen aus allen möglichen Ländern kamen dort zusammen. Man tanzte bis zum Sonnenaufgang unter freiem Himmel, völlig frei, ohne Druck, ohne Social Media, ohne VIP-Kultur.
Wie prägend waren deine ersten Erfahrungen auf Ibiza für deine DJ-Karriere?
In den Achtzigern war Ibiza stark geprägt von Italienern, Franzosen, Deutschen und natürlich auch den Engländern. Aber die große englische Invasion kam eigentlich erst in den Neunzigern, als die britischen Clubbrands begannen, die Insel zu übernehmen. Dadurch veränderte sich auch der musikalische Fokus sehr stark. Die englischen DJs prägten plötzlich den Sound vieler Clubs und für meinen persönlichen Geschmack wurde vieles zu kommerziell und mainstreamorientiert. Ich habe mich deshalb eine Zeit lang von Ibiza eher entfernt.
Hast du damals im Amnesia auch DJ Alfredo kennengelernt? Wie waren deine ersten Begegnungen mit ihm?
Eine der wichtigsten Figuren dieser frühen Zeit war natürlich DJ Alfredo. Ich habe ihn damals nicht nur musikalisch bewundert, sondern ihn später auch persönlich kennengelernt. Alfredo kam aus Argentinien und war für mich einer der großen Architekten des Balearic Spirit. Sein Sound war frei von Regeln. Er spielte alles – New Wave, Pop, elektronische Musik, experimentelle Stücke – aber immer mit Gefühl und Seele. Genau daraus entstand dieser berühmte Balearic Sound. Leider ist Alfredo inzwischen verstorben, aber sein Geist lebt bis heute auf Ibiza weiter.
Du kennst das Amnesia seit fast seiner Gründung. Und hast somit auch die Geschichte der ibizenksichen Clubkultur quasi von Beginn an bis in die Gegenwart hautnah begleitet. Kannst du beschreiben, wie du die einzelnen Dekaden bis heute erlebt hast?
Als ich 1999 das Angebot bekam, mit Cocoon meine eigene Nacht im Amnesia zu machen, war das für mich etwas sehr Emotionales. Wir starteten damals mit vier Testveranstaltungen. Mein Wunsch war es, Ibiza etwas zurückzugeben von dem, was die Insel mir gegeben hatte: Freiheit, Leidenschaft, Offenheit, Liebe zur Musik und diese einzigartige Freigeistigkeit. Daraus wurden schließlich 19 Jahre Cocoon im Amnesia. Das war eine unglaubliche Reise.
Wie haben sich Sound, Crowd, die ganze Clubbing-Experience Stück für Stück verändert?
Wir haben zwischendurch zwar eine Saison im Pacha Ibiza ausprobiert, aber das fühlte sich nie wirklich nach Cocoon an. Unser Spirit gehörte einfach ins Amnesia Ibiza – besonders auf die Terrasse. Was das Amnesia bis heute besonders macht, ist genau diese Terrasse. Dort spürt man immer noch etwas von der alten Energie der Insel. Natürlich hat sich vieles verändert. Die Clubszene ist professioneller, größer und kommerzieller geworden. Heute konkurrieren Clubs wie Hï Ibiza oder Universe mit völlig neuen Konzepten und enormem Investment. Nach Corona musste sich auch das Amnesia neu behaupten. Das war sicher nicht einfach. Aber ich glaube trotzdem, dass das Amnesia sich ein Stück seiner Authentizität bewahrt hat. Und genau das könnte seine größte Stärke für die Zukunft sein.
Du hast letzten Freitag im Amnesia gespielt. Was ist heute noch zu spüren von dem Vibe früherer Tage?
Als Luciano und ich vor zwei Wochen beim 50-jährigen Anniversary auf der Terrasse gespielt haben, gab es tatsächlich Momente, in denen man diesen alten Geist wieder gespürt hat. Natürlich ist heute vieles anders – die Technik, das Publikum, die Geschwindigkeit der Welt. Aber wenn morgens die ersten Sonnenstrahlen durch die Terrasse kommen und die Menschen gemeinsam tanzen, dann ist da immer noch diese Magie.
In welchen Formen ist das Vermächtnis der 70er/80er/90er auf Ibiza heute generell noch lebendig? Was ist heute deiner Meinung nach die DNA des Amnesia? Wie grenzt es sich von anderen Clubs auf der Insel ab? Was sind heute die größten Herausforderungen für die Clubszene auf Ibiza? Wie könnte ein nächstes Kapitel aussehen? Oder ist die Geschichte auserzählt? Und eine weitere Entwicklung hin zu noch mehr VIP/Premium-Angeboten unausweichlich?
Die Geschichte Ibizas ist für mich jedenfalls noch nicht zu Ende erzählt. Aber die größte Herausforderung wird sein, die Balance zu halten: zwischen Luxus und Seele, zwischen Business und Kultur, zwischen VIP und echter Dancefloor-Erfahrung. Ibiza darf nie vergessen, dass seine eigentliche Kraft immer die Freiheit war. Und vielleicht ist genau das die wahre DNA des Amnesia: ein Ort, an dem Menschen für ein paar Stunden alles vergessen und einfach nur gemeinsam Musik fühlen können.
Gibt es bestimmte Tracks, die du klar mit einem bestimmten Abschnitt des 50-jährigen Bestehens des Amnesia bzw. der 50-jährigen Geschichte der Clubkultur auf Ibiza verbindest? Welche wären das? Sind die Titel vielleicht mit bestimmten Erinnerungen von dir verknüpft?
Die Geschichte Ibizas ist für mich jedenfalls noch nicht zu Ende erzählt. Aber die größte Herausforderung wird sein, die Balance zu halten: zwischen Luxus und Seele, zwischen Business und Kultur, zwischen VIP und echter Dancefloor-Erfahrung. Ibiza darf nie vergessen, dass seine eigentliche Kraft immer die Freiheit war. Und vielleicht ist genau das die wahre DNA des Amnesia: ein Ort, an dem Menschen für ein paar Stunden alles vergessen und einfach nur gemeinsam Musik fühlen können.

